# **Radio Irrtum! 2025/12 – Outspoken Words in Music**

Spoken Words Musik - Ein Genre zwischen allen Stühlen, ein Genre, was in
sämtlichen vorstellbaren Musikstilen auftauchen kann, und dennoch auch
riesengroße eigene Subgenres abgezweigt hat, die sehr wohl als klar
definierter Musikstil zählen. Ein Genre, was in der Musikwissenschaft
kaum Beachtung zu finden scheint, obwohl es mittlerweile einen riesigen
Einfluss auf das, was wir heute hören, hat. Dieses Radio-Irrtum! Special
würde gern in die Tiefen des Themas abtauchen, kann aber in dieser einen
Stunde nur an der Oberfläche bleiben – in der Hoffnung, Euren
Entdeckungsdrang zu wecken, so dass Ihr Euch vielleicht bald selbst auf
einen Spoken-Words-Tauchgang begebt.

[Alex]

[Intro] ??

Und damit herzlich Willkommen zur letzten Ausgabe von Radio Irrtum! … …
in diesem Jahr! Am Mikrophone: Herr Irrtum!.

Und wir haben ja jetzt Weihnachtszeit und das ist ja nicht nur die Zeit
dieser uhhh… tollen (!) Jahresrückblicke, der Familie, der Liebe und all
das… aber auch Zeit für Geschichten! Zeit, mal ein Buch zu lesen, oder
sich gegenseitig etwas zu erzählen und zuzuhören. Und sowas gibt es auch
Hand in Hand mit Musik. Und genau darum soll es heute gehen. Um Spoken
Words in Music. Ein Feld, was erstaunlich stiefmütterlich von der
Musikwissenschaft behandelt wird, obwohl es seit dem letzten Jahrhundert
jede Menge von eindrucksvollen Musik?/Erzähl? Stücken aus diesem Genre
gibt. Doch bevor ich Euch mehr darüber erzähle - und über all das, was
in dieser Stunde in etwa zu hören sein wird, fangen wir mit dem ältesten
Spoken Word Track an, den ich auftreiben konnte, aber das ist mit
Sicherheit nicht der älteste - egal - das Ding kommt von 1966 - freut
Euch mit mir auf ↓↓↓

  

**01. Ken Nordine: Olive | Colors [A, 1966]**

War das etwa das erste Vorkommen von Rap in der Musikgeschichte? ↑↑↑ Man
sprach hier auch vom Genre “Word Jazz”, als das rauskam; aber das ist
natürlich auch nur eine simplifizierende Schublade, in die das Stück
bzw. das ganze Album, was grob in diesem Stil gehalten ist, nicht
allumfassend passen will. Ken Nordine ist nämlich - und das ist bei
dieser Stimme wenig verwunderlich - ein Sprecher für Radiowerbung. Und
genau genommen ist dieses Album auch das Ergebnis eines ursprünglichen
Werbeauftrags – nämlich von einem Farbenhersteller. Der hatte für seine
Radiowerbung 10 Stücke in Auftrag gegeben, die die Farben dieses
Herstellers mit Musik und Worten beschreiben sollen. Diese kleinen
Werbemusiken kamen dermaßen gut bei den Hörer:innen in den USA an, dass
Ken Kordine kurzerhand beschloss, ein ganzes Konzept-Album über Farben
zu machen, die nicht nur “vorgestellt” werden, sondern auch
personifiziert werden – so dass sie sich untereinander auch mal heftig
streiten und regelrecht bekriegen; aber auch… wie man so schön sagt -
Liebe machen und dabei neue Farbkinder kreieren. Was würde wohl z.B. bei
einer Romanze zwischen Gelb und Blau entstehen? Hmmm… Mal eben 24 Stücke
über Farben finden sich am Ende auf diesem Album - und zur damaligen
Zeit war diese Art der Verbindung zwischen Worten und Jazzmusik -
zumindest in Tonträgerform einmalig. Und ehrlich gesagt - bis heute gibt
es kein zweites Album in diesem Stil.

Begleitet wird Ken Nordine hauptsächlich vom renommierten
Jazz-Studiomusiker Richard Campbell – hauptsächlich bekannt für sein
exzellentes Vibraphone-Spiel – aber der übernimmt hier mal eben auch
Flöte, Marimba, Cembalo, und Drums. Insofern ist damit auch klar, dass
das einer der ersten großen Mehrspurstudioproduktionen in der Geschichte
des Jazz sein muss. Ganz davon abgesehen, ist es sehr beeindruckend, wie
es dieser Musiker Richard Champbell es schafft, die Welt der Farben in
mal mehr mal weniger abstrakt jazzy Klangcollagen zu überführen und
dabei trotzdem einen gewissen heiteren “Easy Listening”-Touch
beizubehalten.

Und damit sind wir mittendrin in

[special]

Und weil sich Spoken Words in alle möglichen Musikgenres verirren, haben
wir heute noch im Programm

  - Deutschen Rap von 2025
  - britischen RetroAcid aus den 2010ern
  - Experimental Pop from the 80s and the 90s
  - Industrial Music aus den 80ern
  - DDR-Kassetten-Underground
  - Britischen Trash-ElektroPunk aus den 2010ern
  - Deutsches Experimentelles Easy Listening aus den 2000ern

Und damit das ganze noch etwas mehr Mysteriöses abbekommt, habe ich
einen Effekt kreiiert, der im Hintergrund zufällige Bestandteile meiner
Ansagen wiederholt und verfremdet - inzwischen sollte er an sein - für
die gute Atmosphäre.

Ich habe lange überlegt, ob ich Euch einen chronologischen Ablauf mit
Spoken Word Music darbiete und habe mich am Ende dagegen entschieden.
Die Tracks sind fast alle bemerkenswert zeitlos und wie gesagt - das
bisschen, was ich Euch hier vorspielen kann, deckt nur ein wenig davon
ab, was eigentlich dazu gehört.

Darum schwingen wir uns vom eben gehörten ältesten Stück dieser Sendung
von 1966 auf zu einem Stück von 2025. Bei weitem nicht so heiter;
sondern eher sehr aufwühlend: Aus Berlin. Hier ist ↓↓↓

**02. Audio88: Prometheus | Böse Wörter [A, 2025]**

↑↑↑ Was für ein Hammer von Text. Aus dieser Zeit, wo das Leben von
Menschen keinen Wert mehr hat gegenüber finanziellen Interessen.
Vielleicht etwas drastisch dargestellt in diesem Track - aber
letztendlich sterben ja aufgrund monetärer Erwartungen von Vermietern in
Großstädten Menschen. Oder habt Ihr schon mal einen Obdachlosen gesehen,
der 90 ist? Egal, irgendwer, der bereit ist, die höhere Miete zu zahlen,
findet sich immer, wa? - und wer da nicht mithalten kann, der ist ganz
besonders egal.

Und damit haben wir auch schon den ersten, aber auch einzigen Vertreter
des gigantischen Genres “Rap” in dieser kurzen Sendung. Rap, Ende der
70er vor allem in der Bronx von New York entstanden, wird ja gern als
“Sprach-Rohr” einer gesellschaftlich ignorierten Schicht beschrieben.
Und in der Tat “Sprach”-Rohr. Ohne Sprache, ohne Texte, ist Rap bzw. Hip
Hop undenkbar. Er zieht einen beträchtlichen Teil seiner Energie aus dem
entsprechend energisch gesprochenen Wort. Besonders stark ist Rap immer
dann, wenn er eine gute Geschichte zu erzählen weiß. Wie das hier bei
Audio 88 aus Berlin-Pankow der Fall war.

[Anmerkung: Berlin, inzwischen ja. Pankow? völlig unklar; weiß nicht
wie ich darauf gekommen bin]
  
Es muss aber nicht immer so erschütternd und tragisch sein - es darf
auch mal lässig und legär passieren, was da an Spoken Words in Music
passiert - wie hier bei ↓↓↓


**03. Paranoid London ft. Mutado Pintado: Eating Glue | Paranoid London
[A, 2018]**

[Alex]

Das hier ist das Radio Irrtum! Special zu Spoken Words in Music, mein
Name ist “Herr Irrtum!” und vor dem Jingle das war ↑↑↑

Die beiden alten Herrn von Paranoid London haben sich hier also mit
Mutado Pintado zusammengetan, der perfekten Stimme für diese Art von
Dandy-alike Bukowski artigen nicht ernsthaft zielgeführten Stories. Und
Mutado Pintado, eigentlich Craig Louis Higgins Jr, ist ja nicht nur als
Sprecher sondern auch als musikalisch äußerst umtriebiger Musiker
bekannt - unter anderem als Frontman der wirklich exzellenten Londonder
Punkband Warmduscher.

Gehen wir zurück in Sachen Spoken Words in Music, zurück in die Mitte
der 90er, zu einer Band, die normalerweise so gefälligen Alternative
Indie Pop macht. Aber das hier, das ist gar nicht gefällig. Hier sind
↓↓↓

  

**04. The Golden Palominos: Victim | Dead Inside [A. 1996]**

[Special]

Und wenn Ihr jetzt sprachlich gar nicht verstanden habt, was los ist,
dann sollte zumindest etwas eingetroffen sein, was bei gut gemachter
Spoken Word Music immer passiert: Ihr wisst trotzdem irgendwie, worum es
geht. Die Musik erfasst die Worte, baut einen eigenen Raum darum und
entführt Euch dahin. Selbst, wenn Nicole Blackman, die Sprecherin in
diesem Fall, chinesisch gesprochen hätte - es wäre klar: Dieser Frau
geht es nicht gut. Sie hat aufgegeben. Sie lässt Dinge passieren, die
nicht passieren sollten, weil sie keine Kraft mehr hat. Und irgendwas
ist dann noch mit Polizei. Weit weg. Wahrscheinlich wird die Frau
gesucht. Und offenbar ist es zu spät. Dafür braucht man die Worte nicht
zu verstehen. Es ist irgendwie klar aufgrund der Kulisse und der Art,
wie der Text vorgetragen wird. Und genau das ist, was gute Spoken-Word
Musik ausmacht, wenn Ihr mich fragt.  
Fun Fact am Rande. Nicole Blackman hat auch Werbespots für Chrysler,
Ford und solche Firmen gesprochen. Irgendwie hat diese Werbe-Szene, so
mafiös und unheimlich sie sein mag, einen gewissen Anteil am Spoken
Words-in-Music Kuchen, oder?

Absolut gar nichts mit Werbung zu tun hat die nächste Künstlerin - hier
kommt ↓↓↓

**05. Laurie Anderson: Born, Never Asked | Big Science [A, 1982]**

↑↑↑ Laurie Anderson ist wirklich eine Künstlerin, die sich auch als
solche versteht - und mit Popmusik, wozu man dieses gehörte Stück
tatsächlich zählen mag - eher kokettiert, als dass sie eine
Pop-Musikerin etwa im Sinne von Taylor Swift wäre. Und sie hat sich
entsprechend in dieser US-Kunst-Szene bewegt - hing in den Siebzigern
mit Leuten wie Andy Warhol, William S. Burroughs, Frank Zappa, Timothy
Leary, John Cage oder Allen Ginsberg ab. Das ist absolut das Who is Who
der US-amerikanischen Avantgarde nach 1950 und als Teil dieser sieht sie
sich sicherlich selbst - hat in ihrem Leben auch viel mit Ausdruckstanz,
Theater und eben Spoken Words gemacht. Am bekanntesten ist sie
sicherlich für ihren Track “O Superman”, der auch auf diesem Album “Big
Science” zu finden ist.  
  
[Alex Chip]

[Special]

Jetzt wollte ich eigentlich weiter in die 70er gehen, habe mich aber
dann doch dagegen entschieden; wir begeben uns statt dessen in die
zweite Hälfte der 80er, hier sind ↓↓↓

**Coil: Blood from the Air | Horse Rotovator (1986)**

↑↑↑ Eigentlich wollte ich ursprünglich Throbbing Gristle: Hamburger Lady
von 1978 spielen - aber Coil ist ja eine Absplitterung von Throbbing
Gristle, die nie komplett weg war vom eigentlichen Stammbaum rund um
Genesis P-Orridge - und dieser Track ist dermaßen beeindruckend finde
ich, dass ich ihn am Ende vorgezogen habe, so dass wir jetzt gar keinen
Track aus den 70ern haben - aber damit habt Ihr jetzt eine kleine
Hausaufgabe: Hört Euch mal Hamburger Lady von Throbbing Gristle von 1978
an und checkt auch mal die reale Hintergrundgeschichte dieses Tracks –
das ist alles wahnsinnig strange.

Zurück zum gerade gehörten Song; der ist meines Erachtens auch gerade
wegen dieser Symbiose zwischen Text und Musik *noch mal* um Klassen
besser. Coil, dieses unglaubliche Projekt zwischen hauptsächlich John
Balance, diesem Herrn mit der eindrücklichen Stimme und Peter
Christopherson, diesem Genius an Effektgeräten und Synthesizern, der auf
diesem Album phänomenale Techniken in Sachen Sounddesign entwickelte,
die erst Jahre später “normal” wurden - Coil haben fast immer mit Spoken
Words gearbeitet; und auch wenn sie gern auf “Industrial” oder gar
“Industrial Goth” reduziert werden, sind sie so viel mehr als das. Hört
in irgendein Coil Album rein, am besten mit Kopfhörern, und lasst Euch
in einem See von Überraschungen musikalischer wie literarischer Art
treiben.

  

Wir gehen in eine ganz andere Richtung – nämlich ins Absurde und nach,
da muss man schon sagen… Karl Marx Stadt. Hier sind aus der DDR von vor
der sogenannten Wende: ↓↓↓

  

**07. AG Geige: Scheusal (Tape Version) | Trickbeat (Kassette) [A, 1989]**

[Alex]

↑↑↑ mehrere Versionen gibt es von diesem Lied - u.a. die 1987 in einem
Rundfunkwagen aufgenommene Fassung - die m.E. die beste sprachliche
Leistung bietet, dafür aber im musikalischen Department deutlich an
Druck vermissen lässt; dann die Fassung auf der offiziellen Schallplatte
von 1990, die sprachlich wie klanglich eher müde erscheint und eben die,
die *wir* jetzt gehört haben, von der im Frühjahr 1989 selbst
publizierten Kassette. AG Geige waren Meister des Gesprochenen Wortes in
Verbindung mit abstruser Musik – und das vor dem Hintergrund, dass man
als junge Band in der DDR weder an einigermaßen amtliche Instrumente
noch an Studiotechnikl kam. Do it yourself war die Devise, und auch in
dieser Disiplin waren Jan und Ina Kummer - ja, die beiden haben was mit
Felix Kummer zu tun - sowie vor allem Frank Bretschneider… meisterhaft.

[Spezial]

Jetzt müsste ich eigentlich Frieder Butzmann aus Westberlin spielen -
die Zeit erlaubt es leider nicht – versucht mal, wenn Ihr könnt, Euch
sein 1981er Album “Vertrauensmann des Volkes” anzuhören - da gibt es so
einiges an äußerst rätselhaften Spoken Word Inhalten.

Wir bleiben aber noch in der DDR, denn ich denke, der folgende Track
wird viel zu selten im Radio gespielt, dabei hätte er es gewiss
verdient, oder? Hier sind ↓↓↓

**08. Der Expander des Fortschritts | Oh! Mond! | Urknall . Horde .
Mensch [A, 1988]**

Für die gesamten phänomenalen 8 min und 30 s reicht es leider nicht in
dieser Stunde - aber ich bin \_sehr\_ froh, Euch damit einmal
konfrontiert gekonnt zu haben. Der Mond heißt ja in diversen Sprachen
auch “Luna” oder “Lune”... und “lunatic” im Englischen steht dann für
geistig verwirrtes Tun, und ich glaube, das ist der Schlüssel zum
Verständnis dieses Stücks.

Der Expander des Fortschritts war mehr ein Avantgarde-Kunstprojekt, aus
Ostberlin übrigens, als eine Musikband - wo sich vermehrt mit Spoken
Words auseinander gesetzt wurde. Die stehen meines Erachtens durchaus
auf einer Stufe mit der Westberliner Tödlichen Doris, die wahrscheinlich
bekannter ist, was einerseits völlig ok, andererseits auch sehr schade
ist. Die Tödliche Doris würde ich normaler Weise als nächstes spielen,
aber die Zeit drängt und dazu kommt, hier hat noch jemand angerufen, der
sich einen schönen Titel gewünscht hat - ich hoffe nur, er passt zum
Konzept der Sendung und enthält Spoken Words - mal sehen:

[Dieter]

  

**09. Sleaford Mods: Jolly Fucker | All that glue [A,2020]**

↑↑↑ Wir hatten ja vorhin schon die alten Herrn und Kollegen aus England,
Paranoid London mit “Eating Glue” - und da passt ein Stück der ebenso
alten Herrn von den Sleaford Mods aus deren Album “All that Glue” ja wie
das Clunium auf den Pütz. Das ist das Stück, was mir am besten gefällt
von denen und ursprünglich aus einer Zeit, nämlich original 2014, als
die Sleaford Mods noch nicht ganz so bekannt waren. Zählt zum Schema:
Kennst Du einen Track, kennst Du alle, aber dennoch ist schon
bemerkenswert, wie die beiden ihre sehr berechtigen Schimpftiraden mit
einem absoluten Minimum an musikalischer Begleitung versehen und damit
einen Riesenerfolg haben - und damit das Thema Spoken Words auch in
Euren Alltag einbringen. Der Erfolg sei ihnen gegönnt.

Und damit sind wir bereits am Ende von

  

[OMG]

 
Jaja- Mein Name ist Herr Irrtum! und Ihr findet mich, die Playlist und
das Manuskript zu dieser Sendung im freien Netzwerk Fediverse unter…

@herr_irrtum@s.basspistol.org

Wobei – ein deutschsprachiges Stück haben wir noch und es ist gar nicht
unbedingt Spoken Word, als mehr Sprechgesang oder gar Sprechgesingsang.
Aber es ist eine Story, da reimt sich auch nichts weiter, ein Text, der
einfach ziellos vor sich hindriftet und dabei irgendwie angenehm ist.
Lasst Euch treiben von Peter Licht mit einem Stück aus dem gleichen
Album, von dem auch “Sonnendeck” kommt - von 2001 - Vierzehn Lieder
heißt es, das Stück heißt Mutter aller Parties, wie gesagt, von Peter
Licht.

Das wars mit Spoken Words in Music, einem Special von Radio Irrtum! habt
ein friedliches Weihnachtsfest und einen phänomenal guten Rutsch ins
neue Jahr,

Euer Herr Irrtum!

  
**10. Peter Licht: Mutter aller Parties | Vierzehn Lieder [A, 2001]**

  
