# Radio Irrtum! 2025/03 - Realitätsabgleichsprozess

  
Spätestens jetzt wisst Ihr, bei welchem Sender Ihr gelandet seid, aber
was ist *das* jetzt für eine Sendung?!  
  
[Intro]

  

Genau, Ihr seid bei RADIO IRRTUM! der *seltsamen* Musiksendung; mein
Name ist Herr Irrtum! und all das passiert auf den harmonisch
schwingenden Frequenzen von Alex Berlin…

-   unter anderem per Satellit empfangbar auf DAB+ auf K7D und zudem
    schon seit langem

-   weltweit im international Stream.

  
Wir fangen heute - wie immer - mit einem eingängigen Track an, der aber
gleichzeitig tieftraurig und bestürzend ist - so ist sie nämlich auch,
diese Realität… hier ist

  

**01. Yasmine Hamdan: Hon “Huuhnun” | Hon [S]**

  

↑↑↑ - Worum geht es da? Es war 2020, als die libanesische Sängerin
Yasmine Hamdan in Paris war und in den Nachrichten hörte, dass eine
wahnsinnige Explosion den Hafen von Beirut erschüttert hat und die ganze
Stadt in einem Nebel von Asche liegt (und im Vergleich zu dieser Stadt
ist Berlin ein Dorf). Eine Minute später ruft ihre Schwester aus
ebendieser Stadt an. Und sie war so weit weg und alles fühlte sich so…
niederschmetternd an. Was bedeutet es denn überhaupt, “Hier” zu sein?
Hier - das ist nämlich die Bedeutung des arabischen Wortes “huuhnun”, in
der westlichen Welt dann “hon” geschrieben. Darum und um solche
traumatisierenden Kriegserfahrungen geht es in dem Stück, dessen Text
die Sängerin zusammen mit der palästinensischen Dichterin Anais Alaili
geschrieben hat.

Und die Musik kommt übrigens von einer Legende, nämlich von dem
Franzosen Marc Collin, der u.a. für Nouvelle Vague verantwortlich
zeigt - aber der kann eben auch ernsthaft.  
Wisst Ihr, wir leben hier in Frieden und Wohlstand und die meisten von
uns, mich eingeschlossen, neigen dazu, solche furchtbaren Dinge, die
ganz nahe bei uns passieren, weg zu ignorieren. Und das ist *nicht*
richtig.

  
Und damit willkommen bei…

  
[Tellerrand]

  

Mein Name ist Herr Irrtum! und in dieser Stunde geht es um Dinge wie…

-   südamerikanischen Electropop
-   smoothy Jazz aus Berlin
-   cut up club - taugliche Remixe von Remixen
-   trauma-technologischer Club Punk
-   Laibach-Style EBM
-   wahrhaft experimentelle Junk-Elektronik aus Augsburg
-   überhaupt experimentelle Musik u.a. aus Leipzig
-   egg punk für Katzen
-   schweren Shoegaze
-   spoken Word doom shanties
-   verträumte E-Bass-Romantik

Alles übrigens brandaktuelle Sachen - aber damit nicht genug; es gibt
SCHON wieder ein neues Album vom australischen Beat-Maker “your best
friend jippy”, nennt sich “Beat Tape 40” und ich spiele nur deshalb
nichts direkt daraus, weil wir diesen Herrn schon so oft in der Sendung
hatten – stattdessen lasse ich das im Background laufen… aber für ein
paar Sekunden können wir doch mal direkt reinhören…

  

[your best friend jippy “Beat Tape 40”]

  

Soviel zu your best friend jippy, weiter geht es aber erstmal mit etwas
aus Guatemala - hier ist ↓↓↓

  

**02. Mabe Fratti: cosa rara (en la playa) | Lucrecia Dalt - cosa rara
[E]**

  

↑↑↑  
Ja das kommt tatsächlich von der neuen EP der ziemlich bekannten
kolumbianischen Sängerin Lucrecia Dalt, die übrigens mittlerweile in
BERLIN lebt – und sie hat da mehrere Versionen dieses Liedes “Cosa Rara”
drauf und eine ist eben gar nicht von ihr sondern von Mabe Fratti – und
eben diese Version haben wir gerade gehört, weil es m.E. die gelungenste
ist.  
Mabe Fratti ist eine guatemaltekische Cellistin und Sängerin. Ihre
Eltern hatten ihr eine klassische Musikausbildung zukommen lassen, aber
dann hat sie die Filesharing Plattform Limewire in den frühen 2000ern
entdeckt und ist tief in die Musikwelt, die sich da auftat, abgetaucht -
was übrigens mal wieder zeigt, wie WiCHTiG es für die Musik selbst ist,
wenn Musik frei ist. Sie hat sich unter diesem Eindruck noch als
Teenagerin weg von der reinen Klassik bewegt, hin zu einer eher
avantgardistischen Stilistik und ist schnell überregional bekannt
geworden. So wurde sie sogar vom Goethe-Institut gefördert und hat sogar
bereits mit Berliner Underground-Legenden wie Gudrun Gut
zusammengearbeitet.

Und wir bleiben in Berlin, gehen in eine andere Richtung und hören ein
altes Lied in einer neuen Life-Aufnahme, die ich sehr gelungen finde –
hier sind ↓↓↓

  

  

**03. Jazzanova feat. Clara Hill: No Use (Little Big Beat Studio Live
Session) | In Between Revisited: Jazzanova Live [Æ]**

  

[Alex]

  

Vor dieser Station ID da lief ↑↑↑. Da staunt vielleicht die ein oder der
andere, dass ich hier Jazzanova AAAAAUUUUS Berlin spiele, aber Radio
Irrtum! ist offen für alles, und übrigens wären ein Freund und ich Ende
der 90er beinahe beim Label Jazzanova Records bzw. Sonar gesignt worden,
was dann nur an unserem Hang zum Perfektionismus und der damit
verbundenen Langsamkeit unseres Musik-Outputs scheiterte. Und aus eben
dieser Zeit stammt auch die erste Platte von Jazzanova, das 2002er Album
“In Between”; auch wenn sie damals schon 7 Jahre aktiv waren. Und
anlässlich des 20 jährigen Jubiläums dieses Albums (gut - man hat das
ein bisschen verpasst, sind eigentlich 23 Jahre jetzt) kommt also “In
Between Revisited” raus - mit allen Songs LIVE eingespielt und
gesungen - in dem Fall eben von Clara Hill, der Berliner Sängerin, die
sich genau in dieser Szene, also z.B. auch beim Kyoto Jazz Massive
ausgesprochen elegant bewegt - und vergleicht man ihre Stimme von 2002
mit der Aufnahme jetzt, die von 2024 stammt (das Album wird es aber erst
ab dem 9. Mai 2025 in den Läden geben), dann hat sie in der Zwischenzeit
tatsächlich beeindruckend draufgelegt.

  

Aber ist heute nicht auch…

[Saturday]

Aber ja! Zeit in die Clubs zu ziehen und eine gute Zeit zu haben… z.B.
mit

  

**04. Skee Mask: Dave Clarke - No One's Driving (Chemical Brothers
Remix) [Refix] | 2RR [S]**

  

↑↑↑ Ja, das ist wirklich der Remix von einem Remix. Das Original, ich
mach das mal im Hintergrund an hier…

  

[Dave Clarke]

  

… von Dave Clarke ist das jedenfalls, stammt aus dem Jahr 1996 und
klingt noch ganz anders. Damals hat Dave Clarke, ein legendärer
britischer Techno Producer, der jetzt bald 60 ist, damit die Big Beat
Bewegung ein wenig vorweg genommen. Und aus eben der kommen ja die
Chemical Brothers – und die, immer noch aktiv und grandios, haben 2024
anlässlich der geremasterten Wiederveröffentlichung des Dave Clarke
Originals einen Remix gemacht, der sehr viel mehr Chemical Brothers als
Dave Clarke ist. Skee Mask aus München wiederum hat es dieser Remix
angetan, aber mit einigen Sachen, u.a. dem viel zu übertrieben
equalizten Bass, war er offenbar nicht zufrieden und daher hat er seinen
eigenen Flip davon veröffentlicht und der lief hier eben gerade 🙂

  

Kommen wir zu was ganz anderem aber mindestens so tanzbären… hier sind
↓↓↓

  

**05. Chalk: Tell Me | Conditions III [E]**

  

[OMG]

  

ja was für ein BRETT, Kinders – das warten ↑↑↑ . Die 3 Herren kommen aus
Belfast, treten erst seit 2022 in Erscheinung, haben seit dem immerhin
schon 3 Eps und eine handvoll Singles veröffentlicht und sagen von sich,
sie würden “Trauma Techno” machen… Ja warum auch nicht. Wobei dieses Tag
genauso schlecht sicherlich auch auf Laibach zutreffen würde – aber die
hören wir jetzt gar nicht, sondern statt dessen:

  

  

**06. Jemek Jemowit: Biodeutsch | The Ancestry [A]**

[Alex]

↑↑↑ Erschienen auf dem Berliner Label Aufnahme und Wiedergabe,
abgemischt von Katrin Wolke, der Tochter von Manfr - nein, ich weiß
nicht wessen Tochter sie ist – … aber zurück zu Jemek Jemowit, der hier
die schönen Zeilen “Biodeutsch, organic waste” musikalisch umsetzte: Der
stammt aus Polen, hat da lange als Satanist gegen das katholische Regime
in Polen in den 10er Jahren protestiert und auch eine Art polnischen
Ziggy Star Dust erschaffen; ein hochinteressanter Typ.

  

Und damit sind wir schon in der Mitte von

  

[Mikrofon]

  

angelangt und jetzt wird es gleich mal ein ganzes Stück experimenteller
– mit

  

-   wahrhaft experimentelle Junk-Elektronik aus Augsburg
-   überhaupt experimentelle Musik u.a. aus Leipzig
-   egg punk für Katze
-   schweren Shoegaze
-   spoken Word doom shanties
-   verträumte E-Bass-Romantik

Und ohne weitere Verzögerung kommen wir damit zu

  

**07. Gerald Fiebig: Feedbeat 1 | Feedbeat [A / CC]**
  

↑↑↑ Und das ist ein Creative Commons Album, wie alles, was vom
attenuation circuit Label aus Augsburg kommt - also Musik, die Ihr unter
Beibehalt des Künstlernamens frei kopieren könnt - ganz ohne Werbung
oder sonstige Zugeständnisse - so wie auch Alex Berlin ohne Werbung
funktioniert:

  

[Kapern]

  

Und ich hab Gerald Fiebig gefragt, wie zum Teufel er dermaßen
kaputt-groovige Sounds erzeugt hat: Ich hatte vermutet, kaputte Kabel
und ein paar Effektpedale waren da beteiligt, aber es ist viel
verrückter: Im Mittelpunkt stand im wesentlich ein alter DJ-Mixer, der
mit sich selbst verkabelt war, lediglich ein Kaos-Pad, ein Oscillator
und ein SP-404 Sampler, etwas, was normalerWeise von so Beatmakern wie
etwa Nipple Tapes verwendet wird… die spielten noch eine Rolle. Somit
sind also die Ausgänge des Mixers wieder in dessen Eingänge geroutet
worden, was diverse Feedbacks erzeugt. Fast alle rhythmischen
Strukturen, die Ihr hört, hat Gerald Fiebig tatsächlich mit den Fadern
des Mixers gesteuert; nicht mit irgendwelchen Delays oder Loopern. Was
für ein cooles Konzept. Und Fiebig selbst, wenn er nicht gerade mit
seinen anderen Projekten “gebrauchte Musik” oder “Sustained Development”
oder “Orientalism” beschäftigt ist, der ist zudem auch ein Kollege, der
macht Radio, besser gesagt Radiokunst, wo er mit dem Medium spielt, und
der macht Klanginstallationen und der macht weiß der Fuchs was noch
alles. Ich bin beeindruckt.  
Wir bleiben im experimentellen Bereich und kommen zu zwei legendären
Haudegen: ↓↓↓

  

**08. Scanner & Nurse with Wound: Causticum | Contrary Motion [A]**

  

^^^ Eine traumhafte Koalition von 2 alten Haudegen aus den UK: Zum einen
Scanner, 1964 geboren, der seit 1986 schon in London hinter den Kulissen
die Fäden gezogen hat und schon damals bereits mit Nurse with wound
zusammenarbeitete, aber das ist nicht die einzige Legende, die in seiner
Biografie auftaucht: Da tummeln sich auch Giganten wie Coil oder aber
auch Michael Nymen den ihr vielleicht vom “Das Piano” Soundtrack kennt
(aber der selbst hat noch soo viel mehr drauf). Soviel erstmal zu
Scanner.

Und Nurse with wound ist auch eine vierleicht noch größere Legende, in
dem Fall aus dem dunklen Industrial Bereich – auch hier gibt es vor
allem in den 80ern und 90ern Überschneidungen mit Coil. Steven
Stapleton, der 1957 geborene Mensch hinter Nurse with wound hat
unzählige weitere künstlerische Koalitionen hinter sich und ist sich
dabei selbst für Ausflüge ins Free Jazz Genre nicht zu schade.

  

Knabbering]

  

  

Ich könnte über beide noch Stunden lang reden, im Ernst, aber wir müssen
weiter machen und zwar mit…

  

**09. more eaze: chords, room, solo | lacuna and parlor [A]**

  

[Alex Berlin]

  

Und vor dem Jungle das war ^^^ . Hinter more eaze verbirgt sich die
Multiinstrumentalistin Mari Maurice aus Brooklyn, die sich zur Aufgabe
gemacht hat, Popmusik in ihre Atome aufzuspalten und dabei auch vor
experimenteller Musik nicht halt macht. Wie bei diesem Album, wo sie
field recordings mit Kammermusik zusammen bringt, die aber nicht
unbedingt nur von Streichern, sondern zum Beispiel auch von Slide
Guitars stammen kann.

  

Und damit Themenwechsel Ladies, Gentleman und wer auch immer- hier hat
ein Hörer angerufen, jaaa, ein Hörer… und sich ein Lied gewünscht… aber
das darf er gleich selbst ansagen:

  

[Dieter]

  

**10. Meow Meow and the Smackouts: Bubonic Babe | BATTLE FOR L.A.: a
see/saw benefit [VA]**

  

^^^ Ja solche Sampler, die ihre Erlöse für Künstler in LA zu Verfügung
stellen, die in den Waldbränden letztes Jahr alles verloren haben. gsb
es nicht wenige die letzte Zeit, Aber der hier, mit mal eben 40

Tracks drauf, ist mir positiv ins Auge gestochen! Wisst Ihr, ich denke
immer, was ich hier in der Sendung spiele, das kennt eh niemand. Aber
Falsch: Auf dem Sampler finden sich mit Shrudd, Sweeping Promises und
vor allem meiner Lieblingspunkband Benzin auuuus Berlin, haufenweise
Gruppen, die in dieser Sendung hier bereits gespielt wurden. Komisch.

  

Gut, mal angenommen, einfach nur mal angenommen, es gäbe eine Reunion
von the sugar cubes aus Island, wie würden die dann klingen? Vielleicht
so hier?

  

**11. BRUTUS: Paradise | Paradise [S]**

  

Ja, das waren weder die Sugar Cubes noch irgendein anderes Björk
Project - das waren Brutus aus Leuven in Belgien mit ihrer Single
“Paradise” und die Single ist zugleich Soundtrack einer Fernsehserie
namens Putain. Deren Sängerin heißt tatsächlich Stefanie Mannaerts und
dir singt nicht nur, sie spielt gleichzeitig auch Schlagzeug. Man hört
es an der für meinen Geschmack fast schon *zu* cleanen Produktion: Die
Band ist längst über die Grenzen von Belgien hinaus bekannt und tourt
schon mal gemeinsam mit Größen wie Chelsea Wolfe.

  

Von Belgien nach Berlin; hier sind…

  

  

**12. SKAGERRAK: WACHABLÖSUNG (montagsbar berlin live) | mohnschlangen
[A]**

  

^^^ - ein live Album, entsprechend ist das Stück hier auch eine Live
Aufnahme und die Stimme, die kommt Euch nicht umsonst bekannt vor, die
gehört tatsächlich Rex Joswig von Herbst in Peking, der bei dem Projekt
federführend mitgemacht hat - entsprechend ist das Ding dann auch auf
Peking Records erschienen. Das ganze hat er vor allem mit Tone
Avenstroup zusammen gemacht, die für die Lyrics verantwortlich zeigt und
auch zu hören war; es sind aber noch viele weitere Künstler:innen mit
dabei. Großartiges Album, und wie hatte ich am Anfang zu Yasmine Hamdan
gesagt: Das ich es falsch finde, wie wir bzw. die meisten in unserem
Wohlstand konsequent wegschauen, wenn es um Kriegsleid vor unserer
Haustür geht?

Bei Avenstroup und Joswig klingt das so:

  

“ignoranz ist ein tanz zur musik unseres wohlstands.”

  

**Und damit sind wir am Ende von**

  

[OMG]

  

Mein Name ist Herr Irrtum! und Ihr findet mich, die Playlist und das
Manuskript zu dieser Sendung im freien Netzwerk Fediverse unter…

<u>@<herr_irrtum@s.basspistol.org></u>

  

Vielleicht noch ein Hinweis in eigener Sache: Wenn aless gut geht,
spiele ich live am 5.4. im Kunstwerk Köln im Rahmen eines kleinen
Creative Commons Festivals unter meinem Alter Ego die nmi! zusammen mit
Küntler:Innen wie etwa MindStröm, dem Rundfunkorchestra Dresden, dem
analogen Mann, Luka Prinčič oder auch Drehkommando . Das wird ein cooler
Abend, und wenn Ihr in Köln seid und - zumindest was meine Wenigkeit
betrifft – vor nichts Angst habt, kommt am 5.4. ins Kunstwerk Köln.

  

Zum Ausklang dann aber doch noch einen Track für Euch.

Rothko aus London mit Nights Air aus dem Album

A Life Lived Elsewhere, wo tatsächlich hauptsächlich mit E-Bässen
traumhafte Stimmungen kreiert werden.

Danke Euch fürs Zuhören, gehabt Euch wohl und vielleicht bis zum
nächsten Mal in einem Monat… Euer Herr Irrtum!

  

**13. Rothko: Nights Air | A Life Lived Elsewhere [A]**

  
